Die Hirschrufer

Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Die Frage des guten Tons ist für den Berufsjäger Christian Hochleitner aus Tenneck äußerst wichtig. Der 53-Jährige ist Meister des Hirschrufens.
 Ein Artikel von Maria Riedler

Morgentau liegt auf den Gräsern, die ersten Sonnenstrahlen kämpfen sich schwach durch den sich auflockernden Nebel. Im matten Licht glitzert der kleine Gebirgsbach. Ein Vogel zwitschert fröhlich und irgendwo huscht ein Eichhörnchen einen Baum hinauf. Berufsjäger Christian Hochleitner sitzt mit seinem Jagdgast auf einem Hochsitz im Blühnbachtal, als er in dieser absoluten Stille das eindrucksvolle, tiefe Röhren eines Hirsches nachahmt. Auf einmal hört man weit in der Ferne eine leise, tiefe Antwort: „Hörst du das?“, raunt Hochleitner seinem Begleiter zu und imitiert als Antwort wieder den Brunftruf eines Platzhirsches. Es dauert nicht lange, als plötzlich, in etwa 80 Metern Entfernung, ein Hirsch auftaucht. „Der passt nicht“, flüstert Hochleitner, nachdem er die Figur und das Haupt mit beidseitiger Krone genau gemustert hat. „Zu jung.“ Hochleitner ahmt den Ruf einer Hirschkuh nach. Als Antwort kommt ein lautes, zorniges und heftiges Röhren. Im Unterholz knackt es: Was für ein eindrucksvolles Bild! Plötzlich stehen da ein Hirsch samt einem Rudel Hirschkühe auf 60 Metern Distanz von uns.

Täuschend echt
Brunfthirsche schreien, röhren, orgeln, trenzen und knören, so nennt man das, wenn der Geschlechtstrieb durch ein brunftiges Alttier erregt wird.
Im Pongau beherrschen die Hochleitners diese besondere Kunst des Hirschlaut-Imitierens auf höchstem Niveau. Die Jäger- und Försterfamilie nützt dies zur Jagd; gleichzeitig sind sie aber auch auf internationalen Hirschlaut-Imitatoren-Wettbewerben erfolgreich. Christian Hochleitner und sein Sohn Alexander und der Goldegger Fritz Hochleitner und dessen Sohn Julian haben bereits zahlreiche Bewerbe wie Staats- und Europameisterschaften gewonnen.
Hirschrufen ist ein anspruchsvolles jagdliches Handwerk und gehört als die „Hohe Schule“ der Lock- und Rufjagd zu einer jahrhundertelangen Tradition. Mit
Unterstützung von Hilfsmitteln wie Schneckengehäusen oder Hörnern können die Brunftrufe täuschend echt imitiert werden.
Doch nur wenige beherrschen diese alte waidmännische Tradition, bei der dem brünftigen Geweihträger ein Widersacher im Revier vorgetäuscht wird. „Viele Jahre wurde weniger Wert auf die Ausübung der Jagd mittels verschiedener Lockrufe gelegt und dieses alte, jagdliche Handwerk geriet in Vergessenheit“, erzählt Christian Hochleitner. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts wurde einiges an jagdlichem Können und Wissen durch Technik ersetzt. Doch in den letzten Jahren besinnt man sich wieder zunehmend auf diese Art der Jagdausübung. Ruf- und Lockjagdseminare der Jägerschaft auf die verschiedensten Wildarten wie Rot- und Rehwild, Haselwild, Fuchs und vieles mehr werden sehr gut besucht.
„Die Rufjagd auf den Brunfthirsch ist so auch ein ein-maliges Erlebnis. Es ist doch ein Unterschied, ob man einen Hirsch auf vielleicht 60 Meter oder 600 Meter sieht und damit gut einschätzen kann.“

Hörner zum Hirschrufen
Fotos: www.kaindl-hoenig.com

Für die Rufjagd gibt es die verschiedensten Lockinstrumente zur Unterstützung. Hörner aus verschiedensten Rinderrassen, die Tritonschnecke, die getrocknete Hirschdrossel und der Bärenklau. „Jedes hat Vor- und Nachteile“, so Christian Hochleitner. „Die einen haben einen besseren, natürlicheren Ton, sind dafür aber z.B. eher unhandlich.“

Publikumsmagnet
Sie röhren durch Ochsenhörner, riesige Schneckengehäuse, Widder-Hörner oder andere seltsam anmutende Utensilien, um die Rufe der Hirsche nachzumachen. Mittlerweile gibt es eben sogar Wettbewerbe, auf denen sich die Hirschrufer messen. Die Hirschrufer-Meisterschaften finden seit 2004 immer anlässlich der Messe „Hohe Jagd“ statt. „Der damalige Messeleiter hat das eingeführt. Beim ersten Mal waren wir noch nervös und haben befürchtet, dass das bei den Besuchern nicht gut ankommt“, erinnert sich Hochleitner, der dies seit Anfang an organisiert, „doch mittlerweile ist damit ein neuer Publikumsmagnet entstanden.“

Ruf kommt aus Praxis
Eindrucksvoll führt uns Hochleitner mitten im Wald die unterschiedlichsten Töne vor:
„Der junge Hirsch röhrt schließlich anders als der selbstbewusste Platzhirsch: zaghafter, fragender, mit deutlich weniger Kraft. Ein suchender Hirsch schreit eher fad. Wenn du einen so schreien hörst, musst du dieses Geräusch mit kurzem Volumen nachmachen“, erklärt der Berufs-jäger und fügt hinzu: „Das ist ja ähnlich wie bei den Menschen. Wenn ich in einem Nachtlokal mit zwei feschen Mädels an meiner Seite an der Bar sitze und ein anderer kommt, der sie auf sich aufmerksam macht und vielleicht mit ihnen tanzen will, dann drehst als Mann ja auch durch und antwortest dem ordentlich.“
Seit 28 Jahren ist Hochleitner im Blühnbachtal als Berufsjäger tätig. Der 53-Jährige betreut dabei 3.100 Hektar und ist das ganze Jahr damit beschäftigt, sich dem Lebensraum Natur zu widmen: Mit harter körperlicher Arbeit, die im Frühjahr mit Reparaturarbeiten – etwa von Lawinenauswirkungen – startet und sich auf das ganze übrige Jahr erstreckt.
„Durch die Klimaerwärmung und auch durch den Tourismus geht das Wild nicht mehr so viel auf Freiflächen. Sie bleiben im Wald und sind weniger sichtbar.“

„Wir können auf die bodenständige, verantwortungsbewusste und nachhaltige Jagd, verbunden mit Traditionen, stolz sein.“

Hoher Wildbestand
Unsere Kulturlandschaft brauche die Jagd als unverzichtbares Regulativ, auch für die Erhaltung der Lebensräume, erklärt Hochleitner. „Letztlich ist es im Grunde wie bei einem Bauernhof. Wenn ich etwa zehn Kühe habe, dann brauche ich für sie die entsprechenden Felder fürs Futter. Wenn ich als Jäger zu viel Tiere habe, dann verendet das Wild im Winter ohne Futter oder macht schwere Wildschäden. Wir Jäger müssen dafür sorgen, dass der gesunde Mix des Bestandes erhalten bleibt. Wenn sogenannte Tierschützer glauben, dass man das Wild sich selbst überlassen kann, dann muss man antworten, dass das nur bei einem Urzustand funktionieren könnte. Doch wir haben keine Urlandschaft, sondern eine Kulturlandschaft.“
Österreich habe im internationalen Vergleich eine sehr hohe Wilddichte, betont der Berufsjäger. „Egal ob Jäger oder Bauer, wir hängen stark an den Tieren und behandeln sie mit Respekt.“ Jeder Jäger freue sich über einen ausgeglichenen und gesunden Wildbestand im Revier.
„Richtig betrieben ist die Jagd einer der schonendsten Umgänge mit der Ressource Natur und das Erlegen von Wild und die Wildbewirtschaftung eine der artgerechtesten im Umgang mit Lebewesen. Wir können auf die bodenständige, verantwortungsbewusste und nachhaltige Jagd, verbunden mit Traditionen, welche über Jahrhunderte gewachsen sind, stolz sein.“
Denn auch nur wer sich ausreichend für die Jagd Zeit nimmt, wird die Natur, deren Lebensgemeinschaften sowie sinnvolle Kreisläufe verstehen und auch wildtier- und biotopgerecht jagen können.

Hören Sie sich auf unserer Homepage die unterschiedlichen Hirschstimmen von Christian Hochleitner an.

„Das ist ja wie bei den Menschen. Als Mann drehst ja auch durch, wenn dir ein Nebenbuhler dein Mädel weglockt.““

Die wichtigsten Ruflaute bei der Hirschjagd
• der suchende Hirsch
• der rasselnde Schrei des Platzhirsches
• der Sprengruf
• das Mahnen des Kahlwildes
• das Knören
• der Kampfschrei

Hirsch im Morgennebel
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