Die Welt im Sack

Das Internet machte die Welt zum sprichwörtlichen Dorf und es wird unsere Gesellschaft auf eine Art verändern, die wir heute nur erahnen können.

Feuer, Buchdruck, Antibabypille, Raumfahrt – es gab viele bahnbrechende Erfindungen in der Geschichte der Menschheit und dennoch nimmt das Internet eine ganz besondere Stellung ein. Diese digitale Revolution konnte sich innerhalb von nur wenigen Jahren in allen Bereichen des Lebens behaupten. Soziale Strukturen, die Arbeit, die Kommunikation – sie alle wurden durch die Erfindung des World Wide Web neu definiert. Durch diese Entwicklung wurde das Internet zu einem Teil der Infrastruktur und ist damit weder ein Trend noch ein Medium. Es verbindet Menschen mit Menschen, Menschen mit Maschinen und Maschinen mit Maschinen. Heute gibt es weltweit 2,3 Milliarden Internet-User und die Zahl steigt pro Jahr um rund acht Prozent. Welche Datenmengen in diesem Netz zirkulieren, lässt sich nicht einmal erahnen. Terabyte ist in diesem Zusammenhang eine zu vernachlässigende Größe – Experten rechnen schon in Exabyte (1 Trillion Bytes) oder Petabyte (1 Billiarde Bytes).

Ungeahnter Siegeszug

Der Versuch zu erahnen wie sich das Internet entwickeln wird, grenzt an Kaffeesud lesen. Giganten wie Google, Amazon und Facebook hätten in ihrem Gründungsjahr wohl keinen Experten auftreiben können, der ihnen eine derart florierende Zukunft vorausgesagt hätte. Ganz im Gegenteil: Facebook wurde von einigen Experten als Eintagsfliege bezeichnet, ebay bloß als kurze Erscheinung am Internethimmel gesehen. In der virtuellen Welt behaupten sich aber gerade die Großen seit vielen Jahren: Google öffnete sein Portal im Jahr 1998, ebay ist seit 1995 online und wikipedia bringt sein Wissen seit 2001 unter die Leute. Wie viele Seiten derzeit online sind, ist nicht mehr eruierbar. Im Jahr 2005 zählte die Internet-Suchmaschine Google acht Milliarden Webseiten. Diese Zählung wurde im gleichen Jahr jedoch eingestellt, weil es laut dem Unternehmen keine eindeutige Zählweise für Internetseiten gibt. Die Anzahl der Pages dürfte mittlerweile jedoch exorbitant gestiegen sein. Denn heute muss niemand, der auf Flickr ein Foto hochladen will oder seine eigene Homepage gestalten möchte, ein gelernter Informatiker sein. Der logische Schluss daraus: Das Internet wird mit usergenerierten Daten regelrecht überschwemmt.

Das Wissen ums Jetzt

Aber worin liegt der große Unterschied zu früheren Genrationen? Das Internet hält auch keine anderen Informationen bereit als sie unsere Eltern in Büchern lesen konnten. Die Neuigkeiten aus aller Welt bekommen wir alternativ auch aus der Tageszeitung. Worin liegt also dieser bahnbrechende Unterschied und der immense Vorteil? Das ist leicht geklärt: Das Internet ist eine Kultur des Jetzt. Es gibt uns die Möglichkeit, zeitgleich zu erleben was gerade in Australien oder in Brasilien passiert. Es sagt uns, was unsere Freunde gerade machen und was der Chinese ums Eck als Mittagsmenü anbietet. Genau das hat die Internet-Generation ihren Eltern voraus. Sie wissen es sofort und nicht erst, wenn die Abendnachrichten die verstaubten News vom Vormittag wiederkäuen. Bevor die Nachrichten darüber berichten, hat es ein kleines Vögelchen auf Twitter schon längst auf dem gesamten Globus verteilt. Natürlich war das nicht immer so. Auch wenn die Evolution des Internets vergleichsweise rasant war, musste es dennoch eine Entwicklung durchlaufen. Betitelt wurde diese mit x.0.

1, 2, 3 oder 4

Vom Internet gab es niemals eine offizielle Versionsnummer wie für den Internet Explorer oder das Word. Dennoch wurde es unterteilt, um eine gewisse Ordnung herzustellen – vor allem aber um dem Marketing ein Verkaufsargument zu liefern. Da diese Hierarchie sich aber nun einmal durchgesetzt hat, macht es auch Sinn das Web entsprechend zu definieren. Es begann alles mit dem Web 1.0, einem eindimensionalen Web. Die Kommunikation ging einseitig von statten, Seiten wurden aufgrund von bestimmten Suchbegriffen gefunden, die diesen Seiten vorab zugewiesen wurden. Ein Austausch mit dem User fand nicht statt. Das Web 2.0 wurde um dieses Feature erweitert. User versehen Seiten mit Kommentaren, vergeben Tags und interagieren untereinander. Bilden Communities, Freundschaften und spielen Online-Games. Für die Suchmaschinen bedeutet das eine Umstellung, da sie eine völlig neue Ebene berücksichtigen müssen: von Nutzern verschlagwortete Inhalte und die Beziehungen der Internetuser untereinander. Diese Dimension des Webs erleben wir heute tagtäglich. Unmittelbar bevor steht die Wandlung zum Web 3.0, dem semantischen Web. Im Mittelpunkt steht die semantische Bedeutung von Worten. D. h., dass Maschinen lernen, Inhalte zu interpretieren, ihnen Bedeutungen zu geben. Beispielsweise kann eine Suchmaschine lernen das Wort Golf zu klassifizieren – ist damit das Auto gemeint oder doch der Sport? Das Internet wird in naher Zukunft verstehen, was der Nutzer von ihm wissen will. Es ist also ein Stück künstliche Intelligenz. Realität ist es aber noch nicht – haben sich doch viele User noch nicht einmal mit den Möglichkeiten des Web 2.0 angefreundet. In ferner Zukunft und weitab jeglicher Realisierung: das Web 4.0. Es wird auch „Ubiquitous Web“ das allgegenwärtige Web genannt. Die Idee dahinter ist, dass sich das Web selbst zu einem gigantischen Computer entwickelt, der alle Dienste des Internets und sämtliche angeschlossene Geräte umfasst. Es ist – in Anlehnung an das Web 3.0 – ein Internet der Maschinen.

Über den Wolken

Die Vorteile eines Internets der Maschinen: Die Geräte werden zu autonom agierenden Servicepartnern, sie lotsen uns durch den Straßenverkehr und wissen, welche Freunde zu uns passen, Maschinen schreiben automatisch Artikel und liefern uns individuell zugeschnittene Texte und Patienten müssen nicht mehr zum Arzt, sondern machen den Gesundheitscheck zuhause oder unterwegs und schicken die Daten an ein Gesundheitszentrum. Möglich macht das die Cloud, die virtuelle Wolke, die Milliarden von Daten speichert und jederzeit zur Verfügung stellt. Noch steckt sie in den Kinderschuhen und es gibt nur wenig Vertrauen zu einem Gebilde, das schwammig und nebulös durch die Medien huscht und ein neues Zeitalter des World Wide Web prophezeit. In Wahrheit aber ist diese Entwicklung schon jetzt nicht mehr zu stoppen. Sämtliche Daten – vom Foto bis zum Musikalbum – werden nicht mehr auf Festplatten gespeichert werden, sondern jederzeit an jedem Ort der Welt mit einem beliebigen Gerät abrufbar sein. Daten werden nicht mehr aus dem Netz heruntergeladen, sondern sie werden im Netz bearbeitet und gespeichert. Der Kühlschrank bestellt automatisch Lebensmittel nach und das Auto ruft automatisch beim Geschäftspartner an, wenn man sich verspäten sollte. Sogar die Blumen bekommen automatisch Wasser, wenn es ihnen dürstet.

Revolution im Pocket-Format

Quasi das Basisprodukt für diese Entwicklung stellt das Mobile Internet dar. Das Smartphone ist der unentbehrliche Wegbereiter, das fehlende Glied in der Kette, um das Live-Web realisieren zu können. Ohne die mobilen Geräte wäre es nicht möglich, unser Leben in Echtzeit durch den Äther zu schicken. Es gibt schon heute mehr als eine Milliarde Smartphone User, die regelmäßig im mobilen Netz unterwegs sind. Die Anzahl steigt jedes Jahr um rund 37 Prozent. Allzeit bereit, News aus aller Welt zu konsumieren und die eigenen Erfahrungen mit anderen zu teilen. Doch sind wir dazu bereit? Lernen Kinder rechtzeitig mit dieser Technik und den Möglichkeiten umzugehen? Während in vielen Regionen der Welt nämlich nach wie vor Menschen leben, die keinerlei Berührungspunkte mit dem Internet haben, wächst in der westlichen Welt eine Generation heran, die sich eine Welt ohne Internet gar nicht vorstellen kann. Das Internet überholt sich also quasi selbst. Das Resultat: eine stärkere Vernetzung, die Identitäten werden noch gläserner und was die Kritiker an Facebook so stört, ist in Wahrheit erst der Anfang.

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