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Duftende Macchia und bizarre Felsen

Eine schroffe, im Morgendunst liegende Bergwelt tut sich am Horizont auf, sobald sich die Fähre der Hafenstadt Bastia nähert. Die Passagiere stehen erwartungsvoll an Deck, die Haare flattern im Wind, der letzte Proviant ist verzehrt, die Vorfreude groß. Ein Fischschwarm tummelt sich im seichter werdenden Meer, die Morgensonne wirft ihre ersten Strahlen auf das Land.

Nur rund vier Stunden dauert die Überfahrt von der italienischen Hafenstadt Livorno nach Bastia. Eine halbe Flugstunde oder eine halbe Nacht auf dem Schiff trennen das etwa 170 Kilometer entfernte französische Festland und das rund 90 Kilometer entfernte Italien von Korsika. Südlich davon liegt, in einer Entfernung von nur zwölf Kilometern, die zu Italien gehörende Insel Sardinien. Schon vom Schiff aus soll Napoleon Bonaparte seine Heimatinsel Korsika am Duft der Macchia erkannt haben. Die Anfahrt über die See ermöglicht eine genaue Betrachtung der Insel.

Nach Sizilien, Sardinien und Zypern ist Korsika die viertgrößte Mittelmeerinsel und zugleich die am dünnsten besiedelte. Von den insgesamt rund 300.000 Bewohnern konzentrieren sich neben Ajaccio in Bastia die meisten Inselbewohner. Außerhalb des Zielhafens im Nord-Osten verläuft sich die Besiedelung schnell. Gen Norden (Cap Corse) scheint die Insel auszudünnen und verläuft im Nirgendwo. Gen Süden (Capo Pertusato) tun sich hohe Berge auf, einige der 2.000er der Insel können erahnt werden. Steile Klippen und bizarre Felsen kennzeichnen die Westküste. Auf den alpinen Gipfeln liegt auch im Sommer häufig Schnee.

Hochgebirge, kahle Berglandschaften, Felsküsten, üppige grüne Wälder mit Lariccio-Kiefern, Kastanienhaine und idyllische Sandbuchten: Korsika ist eine Insel der Kontraste. Und das, obwohl sie mit nur 183 Kilometer Länge, 83 Kilometer Breite und einer Fläche von rund 8.680 km² als überschaubares Juwel im Mittelmeer liegt. 

Von Bastia zum Cap Corse

Am besten lässt sich Korsika mit dem Auto oder dem Motorrad erkunden. Hat man wieder sicheren Boden unter den Füßen und sein Fahrzeug aus dem Schiffbauch herausmanövriert, kann die Reise zum Cap Corse beginnen. 40 Kilometer lang und 15 Kilometer breit ist die Halbinsel im Norden und kann leicht an einem Tag umrundet werden. Nach dem pulsierenden Leben in Bastia wird bei der Fahrt aus der Stadt der Lebenswandel der Korsen schnell ersichtlich. Gemütlichkeit ist angesagt und wird die ganze Reise über ein charakteristischer Eindruck bleiben. Zwei Beispiele: Die Obststände am Straßenrand sind auf den ersten Blick oft herrenlos. Ihre Besitzer rasten unweit unter Olivenbäumen im Schatten und bewegen sich geruhsam vom Berg herab, wenn man sich für Auberginen oder ein Glas selbst gemachten Honig entschieden hat. Auch die unzähligen kleineren und größeren Tierherden und freilaufenden Ziegen, Kühe und Wildschweine haben die Langsamkeit auf der Insel längst inhaliert. Nicht selten bleibt ein Tier mitten auf der Straße und vor dem Auto stehen, um dort zu verweilen. Die kurvigen und engen Straßen lassen aber ohnehin keine hohe Geschwindigkeit zu. Dafür bietet sich hinter jeder Kurve neue, einzigartige Ausblicke auf kleine, verlassene Buchten, das weite, blaue Meer und eine bizarre Landschaft. Die besondere Gemütlichkeit ist für Korsika genauso bezeichnend wie der Duft des niedrig wachsenden und robusten Gestrüpps der Macchia, welches rund die Hälfte der Insel bedeckt. Einmal eingeatmet wird man den würzigen Duft nie mehr vergessen.

Am Ende der Umrundung vom Cap Corse bietet sich am Tagesende Saint Florent für eine Übernachtung an. Der kleine Fischerhafen lädt zum Bummeln und Fischessen ein, ein langer Sandstrand macht Laune auf einen abendlichen Spaziergang. Bevor man am nächsten Tag die Weiterfahrt gen Westen antritt, sollte man wenigstens einen Blick auf die wichtigsten historischen Bauwerke geworfen haben: die Zitadelle aus dem 15. Jahrhundert, die so gar nicht wie ein militärisches Bollwerk wirkt, und die Kirche Maria Assunta aus dem 12. Jahrhundert. 

Vom Golf de Saint Florent nach Piana 

Tausend Buchten und tausend Kurven kennzeichnen den Weg von Calvi nach Porto. Entlang der engen und kurvigen Straßen der Westküste verändern sich Landschaft und Vegetation. Die Berge werden hoch und kahl, die Pflanzen buschig und niedrig, es duftet nach Macchia.

An der Westküste gelegen, südlich vom Golf de Porto, laden zwei malerische Plätze zur mehrtägigen Erholung in freier Natur ein. Ausgangspunkt ist der kleine Ort Piana inmitten der roten Felsen der Calanches. An einer schmalen, zu Beginn schwer zu entdeckenden Straße, geht es rund zehn Kilometer abwärts Richtung Küste zum Camping d’Arone. Farbenprächtige Oleander beherrschen den Campingplatz. Nach zehn Minuten Fußweg erreicht man den langen, weißen Sandstrand Plage d’Arone. Das türkisfarbene Meer lädt zum Schwimmen und Schnorcheln ein. Noch vor zehn Jahren war der Strand einsam und verlassen. Heute findet man ein Restaurant und kleine Bars sowie diverse Freizeitangebote wie geführte Tauchgänge und Ballspiele vor.

Sandliebhaber kommen in Piana ebenso auf ihre Kosten wie Kiesfreunde. Am Ortsende geht es gen Süden eine kurvige und enge Straße steil bergab. Nach einem größeren Parkplatz sind es noch etwa 800 Meter zu Fuß bis zum Plage de Ficajola. Die Kiesbucht mit ihren roten Felsen, die sie umranden, ist ein idyllischer Ort, um zu baden.

Neben ihrer imposanten und zugleich idyllischen Erscheinung bieten die Felsen der Calanche Wanderwege zur Erkundung und für den sportlichen Ausgleich zum Baden und Faulenzen. Gelegen zwischen dem Camping d’Arone und dem Örtchen Piana führt, ausgehend von einem kleinen Restaurant, die Tour de Capu Rossa zu einem alten Leuchtturm. Rund dreieinhalb Stunden Gehzeit müssen für die Wanderung, die über spitze Steine und enge Pfade führt, insgesamt eingerechnet werden. Die Tour eignet sich ideal als Abendwanderung. Erreicht man den Turm bei Sonnenuntergang, wird man auf seiner Plattform mit einer herrlichen Aussicht belohnt. Der Rückweg sollte danach allerdings zügig angetreten werden, da es schnell dunkel wird und es keine Beleuchtung auf den schmalen Wegen durch die Macchia gibt.

Von Piana Richtung Bonifacio

Der Süden Korsikas zeichnet sich durch malerische Buchten und karibische Strände aus. Neben seinem steinernen Löwen (Roche de Lion) zählt die Bucht von Roccapina (Plage de Roccapina) zu den zauberhaftesten von allen. Leider ist sie in den letzten Jahren zu einem beliebten Touristenziel geworden und über Nacht ankern zahlreiche Segelboote. Obwohl der Plage de Roccapina noch 2011 von jeglichem Gastronomiebetrieb verschont geblieben und der einzige hinunterführende Weg von Schlaglöchern gekennzeichnet ist, finden sich, gerade zur Hauptsaison im Sommer, zahlreiche Touristen in der Bucht ein.

An einem Tag von Piana an der Westküste zum Strand von Roccapina im Süden zu gelangen, ist nur zügigen Fahrern zu empfehlen. Lieber sollte man die sich verändernde Landschaft und die lebhaft werdenden Orte Richtung Süden genießen und eine Nacht als Zwischenstopp in der mystischen Stadt Sartène einrechnen.

Kaum zu glauben, dass sich auf einer überschaubaren Insel wie Korsika derart unterschiedliche Ortschaften versammeln. Kommend von einsamen Bergdörfern, wilden Landschaften und kleinen, verlassenen Buchten gerät der Reisende Richtung Süden in den Trubel um den Golf d’Ajaccio und dem Golf de Valinco. Überfüllte, touristische Orte und gut besuchte Campingplätze, Pensionen und Ferienwohnungen sowie kahle und flach auslaufende Buchten sind charakteristisch für das Gebiet.

Rund 20 Kilometer von Bonifacio entfernt in Richtung Westen liegt der kleine Ort Pianottoli. Vom Ortsdoktor bis zu Tavernen und gemütlichen Restaurants, einer Tauchschule sowie Apartments und Campingplätzen ist hier klein, aber fein alles vorhanden, was der Korsika-Urlauber zum Genießen braucht. Idyllische Sandkiesbuchten, getrennt durch runde Steingruppen, reihen sich am Strand von Pianottoli beschaulich aneinander. Von hier aus kann Bonifacio mit seinen bizarren Kreidefelsen für einen Tagesausflug oder zum Flanieren am Abend besucht werden. Die südlichste Stadt Korsikas muss der Besucher gesehen haben. Untertags bieten kleine Bäckereien süß gefüllte Blätterteigtaschen, Pain de Chocolat und sauren Kuchen in allen Varianten feil. In den Abendstunden ankern Yachten im Hafen, entlang der Promenade herrscht buntes Treiben. Überall kann hauseigener Wein und der typisch korsische Dessertwein Cap Corse genossen werden. Dazu empfehlen sich Produkte aus der Region wie Oliven, Käse, Fische und Meeresfrüchte. In der Burg von Bonifacio findet der Reisende eine Stadt in der Stadt vor. Schmale Gassen und kleine Läden laden zum Bummel ein. Aussichtsplattformen eröffnen einen malerischen Blick auf die imposanten Kalksteinfelsen im tief darunter liegenden Meer. Bei klarer Sicht ist von hier aus am Horizont Sardinien zu erkennen. 

Über die Ostküste zurück nach Bastia

Im Vergleich zur Halbinsel Cap Corse, der Westküste und dem Süden Korsikas ist die Ostküste die am wenigsten attraktive für jene Urlauber, die die Ruhe und Naturschönheit von Korsika besonders suchen und lieben. Im Sommer jagt ein überfüllter Strand den nächsten. Aus dem Boden gestampfte Touristenorte schießen aus einer Landschaft mit weit auslaufenden Stränden und Lagunen. Korsika ist heute keine unbekannte Insel mehr, auf der die Urlauber überall ihr einsames Paradies finden. Wenn man dem Trubel entgehen will, sollte die Zeit von Mitte Juli bis Ende August für eine Reise vermieden werden. Dafür bietet der Frühling ein blühendes Inselparadies zum Wandern und Radfahren. Der frühe Sommer und die Zeit außerhalb der Hauptsaison sind für eine Reise ideal. 

Ein Schatten über der Insel der Schönheit 

Korsika trägt zu Recht den Namen Ile de Beauté. Und diese schützen die Korsen wie ein zerbrechliches Juwel. Die Angst vor menschlichem Massenandrang und Müll ist groß. Industrie ist auf der Insel kaum zu finden. Bis heute gibt es keine Hotelbunker oder internationale Konzerne, die sich auf Korsika hätten niederlassen dürfen.

Die Korsen bezeichnen sich als Korsen und nicht als Franzosen, auch wenn die Insel zu Frankreich gehört. Der Stolz der Bewohner ist leicht verletzt, wenn sich der Fremde unbedacht und leichtfertig verhält oder die Eigenarten ihrer Bewohner nicht respektiert. Daneben treiben korsische Separatisten auf Korsika ihr Unwesen. Erklärtes Ziel ist die Unabhängigkeit und Selbstständigkeit Korsikas von der Französischen Republik. Die Nationale Befreiungsfront für Korsika, kurz FLNC, gilt als die gewalttätigste Organisation auf Korsika. Der Terror richtet sich hier nicht nur gegen die französische Regierung, sondern auch gegen die korsische Bevölkerung sowie die Touristenströme. Wenn sich der Besucher zu benehmen weiß, ist er auf der Insel jedoch ein gern gesehener und willkommener Gast.

Eva Pittertschatscher

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