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Schmerz lass nach: Ein Leben ohne Schmerzen

Es sticht, es drückt und zieht, jede Bewegung schmerzt höllisch. Was tun? Schonen oder bewegen, Schmerzmittel, Eisbeutel oder Wärmekissen,  operieren oder Zähne zusammenbeißen?

Jeder dritte Patient, der einen Arzt konsultiert, leidet unter Schmerzen. Jeder fünfte Österreicher leidet sogar unter chronischem Schmerz. Die häufigsten chronischen Schmerzen treten im Bereich des Stütz- und Bewegungsapparates auf, gefolgt von Kopf- und Nervenschmerzen. Schmerzen im Rücken kennen wir fast alle. Man schätzt, dass etwa 40 von 100 Erwachsenen unter Rückenschmerzen leiden. Auch Kopfschmerzen sind weit verbreitet. Unter Migräne leiden etwa zehn von 100 Erwachsenen und auch Spannungskopfschmerzen sind sehr häufig verbreitet. Selbst Kinder weisen diese Beschwerden weit häufiger auf, als bislang angenommen. Im Vorschulalter klagt immerhin ein Fünftel der Kleinen gelegentlich über Kopfschmerzen und im Alter von zwölf Jahren haben neun von zehn Kindern bereits Erfahrungen mit diesem Krankheitsbild gemacht.  Die Folgen der Schmerzen sind sowohl für den Betroffenen als auch für die Gesellschaft enorm. Denn chronische Schmerzen führen zu teilweise erheblichen Behinderungen, die nicht nur individuelles Leiden auslösen und die Lebensqualität einschränken, sondern einen Einfluss auf viele Bereiche des Lebens haben. So sind Schmerzen beispielsweise die üblichsten Gründe für Fehlzeiten am Arbeitsplatz, für Krankenstände, Berufsunfähigkeit und Frühpension. Die Ursachen für die große Anzahl von Menschen mit chronischen Schmerzen sind vielfältig, doch eine wichtige Rolle spielt eine häufig unzureichende medizinische Versorgung. Nach Informationen der deutschen Schmerzliga belegen dies etwa die vielen Erfahrungsberichte von Betroffenen, die jahrelang von Arzt zu Arzt wechseln, bis ihnen endlich geholfen wird. So schätzt diese, dass es manchmal acht bis zehn Jahre dauert, bis ein Schmerzpatient den richtigen Arzt findet. Oft hat sich dann der Schmerz längst fest ins Gedächtnis eingegraben und ist zu einer eigenständigen Krankheit geworden. Dabei hat sich in der Schmerzforschung in den letzten Jahren sehr viel getan, so dass vielen Betroffenen inzwischen effektiv und anhaltend geholfen werden könnte.

Das Kreuz mit dem Kreuz

Zu einem echten Volksleiden haben sich Rückenschmerzen entwickelt. Ihre Ursache finden Rückenschmerzen meist in mangelnder Bewegung und stundenlangen sitzenden Tätigkeiten; selbst Kinder und Jugendliche leiden zunehmend darunter. Chronischer Bewegungsmangel schwächt die Muskeln und diese verkümmern, wenn sie nicht genutzt werden. Übergewicht, das auch schon unter Kindern und Jugendlichen zunimmt, belastet die Wirbelsäule zusätzlich und löst Rückenschmerzen aus oder verstärkt sie. Eigentlich ein Teufelskreis, denn körperliches Training würde die Rückenmuskulatur stärken, wovon auch die Bandscheiben profitieren. Denn erst ein Bewegungsreiz garantiert, dass die Bandscheiben ausreichend mit Flüssigkeit und Nährstoffen versorgt werden. Fehlt er, werden die Bandscheiben dünn und verlieren ihre Elastizität.

Bisweilen können aber auch psychische Belastungen zu Rückenschmerzen führen. Der Körper erhöht unter Stress die Muskelgrundspannung. Ist dieser „Tonus“ auf Dauer heraufgesetzt, ziehen sich die Muskeln zusammen, verkrampfen und können auf Dauer verhärten. Sehnen und Bänder verkürzen sich durch diese Anspannung. Das verändert in Folge die Statik der Wirbelsäule, Fehlstellungen und Schmerzen treten auf.

Schmerzmittel beseitigen die Ursache von Schmerzen natürlich nicht und ersetzen auch nicht Diagnostik und Therapie einer Erkrankung. Bevor ein Betroffener also zu Medikamenten greift, sollte ein Arzt die Ursachen der Beschwerden genau abklären. In der Akutphase von Schmerzen raten Ärzte meist zu einem Schmerzmittel. Wenn sich die Beschwerden dann langsam gebessert haben, kann der Patient nach Rücksprache mit dem Arzt auf sie verzichten. Medikamente gegen Schmerzen sollten bestenfalls nur vorübergehend genommen werden.

Ist die Bewegung eingeschränkt, etwa durch einen Hexenschuss, können ein bis zwei Tage Schonung gut tun, danach sollte der Betroffene sich jedoch wieder so weit wie möglich bewegen. Als erstes bewährt sich die Physikalische Medizin, die individuell auf die Rückenprobleme abstimmt wird.

Exakte Diagnose für Therapie

Die zwischen den Wirbelkörpern befindlichen Bandscheiben bestehen aus einem Faserring und einem elastischen Kern. Durch Fehlbelastungen oder Abnützung der Bandscheiben kann es zu einem Einriss im Faserring kommen, der elastische Kern kann dann nach außen treten und auf das Rückenmark oder die Nervenwurzeln drücken. Dies verursacht typische Rückenschmerzen, die meist in ein Bein ausstrahlen. Je nach Größe und Lokalisation des Bandscheibenvorfalles kommt es zusätzlich zu Nervenausfällen, die sich als Lähmungen und Gefühlsstörungen bemerkbar machen. Am häufigsten ist die Bandscheibe zwischen viertem und fünftem Lendenwirbel beziehungsweise zwischen fünftem Lendenwirbel und erstem Kreuzbeinwirbel betroffen. Durch die Untersuchung kann der Arzt meistens die Etage des Bandscheibenvorfalles diagnostizieren. „Wichtig für jede effektive Schmerztherapie ist eine exakte Diagnose“, so der Leiter der Orthopädie am Krankenhaus Schwarzach, Primar Dr. Manfred Höflehner. Wie ist die Scheibe genau verrutscht, auf welche Strukturen drückt sie? Spielen Abnutzungen der Wirbelknochen eine Rolle? Welches muskuläre Ungleichgewicht macht die Wirbelsäule instabil? Um das herauszufinden, sind bildgebende Verfahren notwendig, klassische Röntgenbilder reichen nicht aus. Der Bandscheibenvorfall wird dann in der Magnetresonanz-Tomographie (MRT) sichtbar.

„Halten die Schmerzen an, sind sehr intensiv oder kommen immer wieder, sollte ein Orthopäde abklären, welche Ursache sie haben und was man dagegen unternehmen kann“, rät Primar Höflehner. Ziehende, stechende Schmerzen im Rücken, verspannte Muskeln, eingeschränkte Bewegungsfähigkeit und – im schlimmsten Fall – Lähmungserscheinungen in den Armen oder Beinen: Wenn diese Symptome zutreffen, dann liegt in den meisten Fällen ein Bandscheibenschaden vor. Ein Taubheitsgefühl kann ein Anzeichen dafür sein, dass ein Bandscheibenvorfall auf Nerven drückt, die deshalb nicht mehr richtig funktionieren können. Als Alarmzeichen gelten auch Blasen- und Darmprobleme, die gleichzeitig mit Rückenschmerzen auftreten.

Zwingend sind chirurgische Eingriffe nur bei Lähmungen, Taubheitsgefühlen und wenn die Blasen- oder Darmfunktion gestört ist. Auch wenn alle konservativen Methoden dauerhaft fehlschlagen, rät Höflehner zur Operation. „Neuere Untersuchungen zeigen, dass die Zeit für die natürliche Heilung arbeitet, auch wenn man Geduld braucht. Das Erstaunlichste: Fast jeder Bandscheibenvorfall löst sich wieder von selbst auf. Enzyme in der Lymphe bauen das vorgerutschte Gewebe langsam ab“.

Methoden der Komplementärmedizin, Akupunktur oder Osteopathie können bei Bandscheibenproblemen eine effektive Hilfe sein.

„Aus der Sicht eines Osteopathen entsteht ein Bandscheibenvorfall nicht überraschend. Meist geben die Patienten ersten Symptomen keine Aufmerksamkeit oder übergehen sie. Der Bandscheibenvorfall ist im schlimmsten Fall mit einem Vulkanausbruch zu vergleichen – im Inneren hat es schon lange gekocht und gebrodelt“, meint der Physiotherapeut und Osteopath Marcus Lischent. Auch hier stehen Ursachenforschungen mit genauer Anamnese anfangs im Vordergrund, so Lischent. Gab es einen Sturz, ein Trauma? Sein Rat: Hilfe bei der Suche nach einem Osteopathen findet man bei der Österreichischen Gesellschaft für Osteopathie (www.oego.org).

Maria Riedler

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