Gasthof Wildau

Schmuckkästchen hoch über dem Lammertal

Die „Wildau“ scheint eines der ältesten Gebäude im Lammertal zu sein. Es wird von der Besitzerfamilie Quehenberger vom Gasthof Wildau in St. Martin am
Tennengebirge gehegt und gepflegt. Und gerne nimmt einen die Seniorchefin Michaela Quehenberger mit auf eine Zeitreise in den alten Paarhof.
Ein Artikel von Sylvia Schober

Die Wildau im LammertalMit einem Gartenblumenstrauß begrüßt mich Michaela Quehenberger vor der alten „Wildau“. Die Hausnummer Lammertal 1 prangt neben der Eingangstüre, ebenso wie die Tafel, die das Haus als Erbhof auszeichnet. „Wenn ein Bauernhof mindestens 200 Jahre lang im Besitz ein und derselben Familie ist, darf er sich Erbhof nennen“, erklärt Michaela Quehenberger, „unsere Hofgeschichte lässt sich aber bis 1728 im Landesarchiv verfolgen.“ Noch ältere Aufzeichnungen verwahrt das Stift St. Peter, demnach wurde die „Wilde Au“ bereits um 1100 erstmals erwähnt, seit 1240 mit Sicherheit bewirtschaftet: „Der jetzige Erzabt von St. Peter, Korbinian Birnbacher, hat mir bestätigt, dass es anfänglich nur vier Höfe im Lammertal gab – zwei davon hier in der „Wilden Au“ und zwei in Abtenau. Die Bezeichnung Lammertal gab es noch überhaupt nicht, aber die Höfe. Früher baute man für die Ewigkeit.“

Die Wildau im LammertalGroß und Klein nicht immer friedlich nebeneinander
Nun möchte ich das blühende Schmuckkästchen aber auch Innen in Augenschein zu nehmen. „Das alte Haus ist nicht bewohnt und ich hab in der Saison keine Zeit, alles zu putzen. Also schau nicht zu genau!“ Dieser Bitte kann ich leider nicht nachkommen. Das alte Gemäuer scheint eine besondere Anziehungskraft auf den Besucher zu haben. Die Bauweise erstaunt genauso wie die teilweise kostbaren, teilweise kuriosen Dinge, die sich hier angesammelt haben. Im Eingang wartet Michaelas Enkelin Katharina: „Ich habe alte Sachen voll gern, alt ist nicht verstaubt. Bei Führungen bin ich immer dabei.“ Michaela, Wirtin aus Leidenschaft, kommt nun ihrer Gastfreundschaft nach: „A Stampei Schnaps trinken wir jetzt vor dem Rundgang“, meint sie und schenkt die schönen Gläser ein: „Zum Wohl, denn Schwarzbeeren sind eine Medizin!“ Nach dem Stamperl scheint es fast, als ob ich bereits doppelt sehe: Links eine Stube, rechts eine Stube, links eine Rauchkuchl, rechts ebenso. „Anfangs dürfte nur der Teil mit den niedrigen und kleinen Räumen existiert haben.“ Im anderen Teil des Hauses hingegen sind die Räume hell und groß: „Das war früher eine durchaus übliche Art, im so genannten Paarhof lebte ein kleiner Bauer in den niedrigen Räumen, der große Bauer bewohnte die hohen Räumlichkeiten.“ Leben im selben Haus, aber in verschiedenen Welten: „Ich möchte mir gar nicht ausmalen, was diese Wohnsituation wohl an Dramen nach sich gezogen hat.“

Dunkle Zeiten in der Wildau
Dieser Umstand änderte sich erst nach 1728, als aus dem damaligen Fürsterzbistum Salzburg die Protestanten vertrieben wurden. Auch die Bauern der Wildau mussten wegziehen, seither bewohnte die Familie Quehenberger allein den Hof. Die Vergangenheit hat aber auch sie eingeholt: „Als der Eiserne Vorhang fiel, kamen sehr viele, die in der DDR Ahnenforschung betrieben haben und schauten sich an, woher ihre Vorfahren stammen“, weiß Michaela Quehenberger, „es gibt heute noch in Berlin einen Stadtteil, der sich Wildau nennt und dort leben etliche mit dem Nachnamen Wildauer.“ Bis 1970 war die Wildau durchgehend bewohnt. Bei Umbauarbeiten entdeckte die Familie ein vergessenes Kellergewölbe, das nach der Protestantenvertreibung zugeschüttet wurde: „Es ist in Originalzustand, vielleicht war es sogar einmal ein Wohnraum“, vermutet Michaela Quehenberger. Manch andere Renovierungsversuche glückten hingegen nicht richtig: „Früher war ein Legdach auf dem Haus, bei dem die Schindeln alle vier Jahre erneuert werden müssen. Das ging, als noch 30 und mehr Leute am Hof zum Arbeiten waren, wir aber haben einen neuen Dachstuhl gebaut, heute reut es mich schon, so ein Haus muss atmen. Der Strom wurde 1958 eingeleitet, da haben wir erst gesehen, wie schwarz alles von der Rauchkuchl war. Wir haben darüber geweißelt, doch durch die Heizung, für die so ein Haus eben nicht ausgelegt ist, ließ alles abblättern“, erklärt sie und fügt bedauernd hinzu: „Wir haben es damals auch noch nicht richtig verstanden.“

Die Wildau im LammertalSchätze in der guten Stube
Nach dem Bau des Gasthofes wollte Michaelas Mann Rochus das alte Gehöft eigentlich abreißen, aber: „Was Neues kann jeder bauen. Ich finde, das Haus strahlt schon etwas aus.“ Das finden auch zahlreiche Werbefirmen, die den Hof als passendes Motiv für Werbeaufnahmen buchen. Einen Teil seines Charmes tragen mit Sicherheit die unzähligen, von Michaela Quehenberger gesammelten und liebevoll drapierten Kleinigkeiten im ganzen Haus dazu bei. Überall gibt es etwas zu schauen und zu staunen – handgemachte Knöpfe, geschnitzte Singvögel in Volieren oder Buttermodel mit christlichen bis landschaftlichen Motiven. In der großen Stube zeigt sie mir eine Besonderheit: „Früher war es Nonnen untersagt, Spiegel zu besitzen“, erklärt sie und deutet auf silbrig glänzende Kunstwerke: „in ihre Klosterarbeit, den Salzburger Spiegelblumen, haben sie deshalb einen unauffällig eingearbeitet.“ Besonders stolz ist sie auf ihre Sammlung von Wachsstöcken. Kunstvoll verziert wurden sie zu heiligen Zeiten oder als Schutzmaßnahme bei herannahenden Unwettern entzündet, begleitet von Gebeten der Familie. Auch nur zu den heiligen Zeiten wurde die gute Stube genützt, ansonsten versammelten sich alle in der Rauchküche – außer: „Die Roßdecken wurden hier zum Trocknen aufgehängt. Auf die Pferde hat ein Bauer geschaut, das war ein kostbarer Besitz.“

Die Wildau im LammertalIn der Wilden Au geistert es
Im ganzen Haus hängen neben den Kleinodien alte Aufnahmen, die Familienmitglieder zeigen. Über sie sind viele Geschichten überliefert, wie jene, die von Geistern handelt: „Einer der Vorfahren war zwar ein bodenständiger Mensch, aber er glaubte an Geister.“ Nun war es in dieser Zeit üblich, als christlichen Akt der Nächstenliebe, Landstreicher für eine Nacht zu beherbergen. Als dies wieder einmal geschah, hob des Nächtens ein Poltern und Rumoren an, dass dem Bauern klar wurde: Hier sind Geister am Werk! Gesinde und Familie mussten sich zum Gebet versammeln und der Bauer sprach die magischen Worte: „Alle guten Geister loben Gott, den Herrn, was ist euer Begehr´n?“ Da kam es dunkel zurück: „Hint´ und vorn´ mach auf das Haus, damit die Seele kommt hinaus.“ So wurde dem Geist geöffnet, auf dass er sich davonmacht: „Das hat er auch getan und am nächsten Tag waren die Landstreicher weg, samt Würsten und Speck, die in der Rauchkuchl hingen“, lacht Michaela Quehenberger.

Die Wildau im LammertalHochprozentig fürstlich
Der Rundgang wäre nicht komplett, ginge es nun nicht in den großen Keller. Dort lagern Schätze hochprozentiger Art. „Unsere Obstbäume tragen gut, wir brennen Schnaps, legen Kastanien ein und kochen Marmeladen.“ Mit einer Schöpfkelle fischt sie tropfende Schwarzbeeren aus einem Gefäß, eingelegt und mit Vanilleschoten verfeinert, reifen sie in Schnaps heran: „Koste mal, das ist wahrer Luxus!“ Es schmeckt wunderbar und doch mache ich mir Sorgen, ob ich die steilen Stufen hinauf unbeschadet überwinde. Schließlich geht es noch in den ersten Stock, dem sogenannten Sojer, wo sich früher die Schlafkammern befanden. Auch hier sieht man noch die alte Aufteilung: links kleinere Zimmer, rechts die großen. Über einer Tür prangt ein Schild: „Kaiserzimmer“. Sollte hier tatsächlich der Österreichische Kaiser genächtigt haben? Michaela Quehenberger schaut mich verschmitzt an: „Es ist immerhin belegt, dass die Habsburger Kaiserfamilie durch St. Martin gereist ist. Ich kann mir gut vorstellen, dass es dem Kaiser bei uns heroben gefallen hätte. Und wer kann schon mit Sicherheit das Gegenteil behaupten?“

Fotos: Sylvia Schober
Alle Beiträge aus Freizeit & Sport


Facebook Icon