_MG_1999

Vater Noah im Pongau

Experte für Gottes Schöpfung: Ambros Aichhorn züchtet bedrohte Haustierarten auf einem Bergbauernhof, ist gleichzeitig aber Wissenschaftler und Priester. Er betreibt einen Archehof hoch über Goldegg. 

Da hat mir jemand mein Alpines Steinschaf mit gebrochenem Fuß von der Höllwand gebracht“, erzählt Ambros Aichhorn, „aber leider ohne Mutter. Und jetzt dürfen wir es mehrmals täglich mit dem Flascherl füttern.“ Das junge Schaf läuft ihm blökend auf Schritt und Tritt nach. „Komm“, meint er zu mir, „machen wir ihm einen neuen Gipsverband.“ Und schon ist nach kürzester Zeit und mit einfachsten Voraussetzungen ein neuer, sauberer Verband gelegt. Das zufriedene Schaf trinkt gierig Milch aus der Flasche. „Langsam, langsam“, schimpft Ambros.

Der Ambros Aichhorn, der hat immer schon alle Tiere geliebt, aufgewachsen auf einem Bauernhof in St. Johann. Schon während seiner Volksschulzeit hat er von Wühlmäusen über Hummeln bis Vögel alle möglichen Tiere untersucht und gemeinsam mit seinem Vater Hummeln gezüchtet. Später ist er Priester geworden und Lehrer für Biologie. Bald schrieb er viele wissenschaftliche Artikel und war Umweltreferent der Erzdiözese Salzburg und im Ökobeirat der Salzburger Landesregierung. Schreiben könnte man über seine Vergangenheit noch vieles mehr, etwa dass er 1969 in Afghanistan zwei 7000er erstbestiegen hat. Dafür ist er mit dem VW-Käfer bis zur chinesischen Grenze gefahren. Aber all das würde immer noch nicht genug sein, um ihn auch nur teilweise zu charakterisieren.

Viele bei uns nennen Ambros Aichhorn einfach den „Goaßen- oder Hummelpfarrer“.

Seltene und wichtige Hummeln

Siebenschläfer, Haselmaus und Tiroler Baumschläfer tummeln sich in der Gegend rund um den Archehof. Die dunkle Biene und verschiedene Hummelarten bauen ihre Kolonien in speziellen Zuchtkistchen. Sie dienen der Erforschung der Hummelbiologie.

Vorsichtig öffnet Ambros eine kleine Kiste und erklärt uns: „Die verletzte Baumhummel ist aggressiv. Sie muss sich gegen Vögel verteidigen.“ Er gibt den Hummeln eine Zucker-Honig-Lösung und zeichnet murmelnd seine Beobachtungen in einem dicken Notizbuch auf, während er uns auf die Wichtigkeit dieser verschiedenen Arten hinweist: „Ich kümmere mich jetzt schon über 30 Jahre wissenschaftlich um die Hummeln. Es gibt viele unterschiedliche Arten und sie leisten sehr viel für die Bestäubung der Pflanzen. Einige Arten davon sind hoch spezialisiert, wie etwa auf Eisenhut. Ich züchte sie am Untersberg und auf Felswänden in eigenen Kisten. Sie erwachen erst Mitte Juli aus dem Winterschlaf, weil da erst der Eisenhut blüht. Lange dauert ihr Zyklus nicht, denn beim ersten frühen Schneefall sind sie schon weg. Andere Hummeln gibt es, die sind wiederum auf Glockenblumen oder Disteln spezialisiert.“

Ambros Aichhorn hat auch ein Buch über Hummelarten geschrieben. Er selbst hat auch eine Lieblingshummel, die ist bescheiden und „geht“ auf Rotklee. „Es gibt viele Gebiete, wo es sie gar nicht gibt. Man kann sie auch streicheln.“ Anfangs seien sie alle weiß gefärbt, erzählt er uns und schimpft liebevoll, während er beim Nest „Erlenschlag“ Maden entfernt. „Drei Mädchen, drei Burschen“, murmelt er und dokumentiert deren Bewegungen und vieles mehr.

„Es gäbe keine Schlüsselblumen, keine Enziane, keinen Eisenhut, keine Glockenblumen oder meinetwegen Disteln – ohne diese Hummeln“, sagt er zu mir und bittet: „Schreib und sag damit den Leuten, dass sie beim Hummelnzüchten helfen können. Indem sie Nistkästen, Vogelkästen mit Tapezierwatte, weichen Moosen oder Mausnester anfertigen und auf Bäumen, abseits der prallen Sonne aufhängen. Dann brauchen sich die Hummelköniginnen diese Nester nicht selbst zu suchen. Und sag den Lesern, dass sie im Frühling, wenn die ersten Hummeln ausfliegen, aufpassen müssen. Weil wenn schlechtes Wetter kommt, dann schließen die Menschen die Fenster und alle Königinnen – das sind alles Königinnen, die ins Haus fliegen – verhungern dann.“

Ein Pionier mit viel Geist

Jeder Besuch am Archehof Vorderploin ist ein Abenteuer. Wir waren zweimal da und wurden immer gastfreundlich empfangen. Pinzgauer Ziegen, Gotlandschafe und Alpine Steinschafe kauen gemütlich Gras vor sich hin. Im Sinn von schöpfungsgerechtem Handeln werden hier seltene Nutztierrassen vor dem Aussterben geschützt. Die Salzburger Alpenziege, auch Pinzgauer genannt, war 1977 fast verschwunden. Ambros Aichhorn hat die letzten Restexemplare zusammengesucht und mit der Reinzucht begonnen. Die Rasse ist nicht nur wegen ihres dichten Felles die widerstandsfähigste im Hochgebirge.

Das Alpine Steinschaf ist im Vergleich zum Tiroler Steinschaf relativ klein. Es ist die älteste Schafrasse des Ostalpenraumes. Es ist sehr widerstandsfähig und genügsam, im Gebirge ein sicherer Kletterer und verteidigt die auf der Alm geborenen Lämmer erfolgreich gegen Fuchs und Adler. Die sechzehn Steinschafe in Vorderploin sind zumeist grau, haben einen schwarzen Kopf mit kleinen abstehenden Ohren und zarte, schwarze Beine. Ihr Fleisch ist ausgesprochen schmackhaft, sogar mit einem wildbretartigen Einschlag.

Neben Hummeln, Schafen und Ziegen kümmert er sich um Singvögel, Siebenschläfer, Turmfalken und Schlangen. Darüber und über den Schneefinken hat er viele anerkannte Forschungsarbeiten geschrieben. Er hat dabei seine Rufe und seinen Gesang analysiert und sein Verhalten allgemein, auch in der Kommunikation zwischen Männchen und Weibchen. Schließlich hat er nachgewiesen, dass der Schneefink nicht zur Gruppe des Sperlings gehört, wie oft fälschlich geschrieben.

Seine praktische Arbeit ist genauso bewundernswert. So erzählt er, dass unlängst eines seiner älteren Gotlandschafe ein Junges bekommen hätte und dass dieses von einer Ziege aufgezogen worden wäre. Weil das alte Schaf keine Milch mehr gehabt hätte, „deshalb habe ich es der Pinzgauer Goaß gegeben. Normalerweise können die sich nicht riechen, aber in dem Fall – und das ist ganz außergewöhnlich“, erzählt er stolz lachend, „hat jetzt das Junge zwei Mütter.“ Das sei überhaupt eine ganz besondere, uralte Schafrasse, die ursprünglich aus Norwegen stamme und Hörner habe.

Stolz zeigt er uns auch seine sechs naturfarbenen Altsteirischen Hühner mit ihrem schönen Federnkleid. „Sie müssen schnell fliegen können, denn sie haben den Habicht, Fuchs und Mader zum Feind. Ihr Nest liegt in drei Metern Höhe und sie sind eine wunderbare Rasse, weil sie sich gut im Freien ernähren können.“

Auch besondere Pflanzen und botanische Seltenheiten sind rund um den Bergbauernhof von Ambros Aichhorn zu finden.

Respekt vor Natur

Im Jahr 2000 hat Ambros Aichhorn aus dem Bergbauernhof den „Archehof“ gemacht:  Mit einem Niedrig-Energiehaus (Holzblockhaus), auf dessen Dach nicht nur Gras, sondern auch Enzian, Hauswurz oder Salat wachsen. Das Haus ist mit 30 cm Wolle abgedichtet. So ist es von oben und von den Seiten gut isoliert.

„Wenn Schulklassen den „Archehof“ besuchen, dann lernen die Kinder bei mir nicht nur Biologie, sondern auch Respekt vor und Liebe zur Natur.“

Am Archehof gibt es viele botanische Besonderheiten, die erhalten bleiben sollen, wie Wildapfel, Punzen (ursprüngliche Zwetschke), wilder Schnittlauch, Grüne Nieswurz oder zahlreiche Orchideen. Im eigenen Wald wird ein Biotop mit vielfältiger Struktur gepflegt: Hasel, Schwarzbeere, Himbeere, Vogelbeere, Birken, Weiden und mehr, um den Bestand von Haselhuhn, Zwergkauz, Baumschläfer und Haselmaus für die Zukunft zu erhalten. Ein Wildapfelbaum steht im bescheidenen Obstgarten, der dem Wind ausgesetzt ist – eine botanische Seltenheit. Alte Obstsorten werden neu gepflanzt. Statt der Pflaumen wachsen hier die kleinen, runden Punzen – für Marmelade oder Schnaps besonders geeignet.

Im Gelände blühen die Grüne Nieswurz, der Gelbe Fingerhut, verschiedene Orchideenarten, darunter Knabenkräuter und der Waldveigel. Der Hummelgarten bietet verschiedene Weidenarten als Pollenlieferanten im Frühling, Gefleckte und Weiße Taubnessel sowie Beinwell und Bunter Hohlzahn für langrüsselige Hummeln.

„Leider wird an Hochschulen und in der modernen Wissenschaft vor allem die Genetik gelehrt. Die Artenkenntnis bei den Studenten schwindet“, bedauert Ambros Aichhorn, „Sie wird zu wenig gefördert und kaum jemand hat mehr die Zeit für die Praxis, um etwa in der Natur Vögel und ihren Gesang kennen zu lernen oder die verschiedensten Pflanzenarten.“

Als Priester feiert der 82-Jährige immer noch Gottesdienste in benachbarten Gemeinden und seine Bergpredigten, in der immer die Natur vorkommt, berühren die Menschen. „Wir müssen achtsamer mit unserer geheimnisvollen Welt umgehen“, meint er. „Der Klimawandel ist schlimm und in der modernen Landwirtschaft wird durch frühes Mähen und Gülleausbringen das Blühen zerstört. Die Wiesen sind zu grünen Wüsten geworden.“

Maria Riedler

Alle Beiträge aus Reportage & Wissen


Facebook Icon